Vollassoziierung der Schweiz an das europäische Mobilitätsprogramm Erasmus+ ab 2021!

Der Bund soll seinen Auftrag wahrnehmen, die Beitrittsverhandlungen zum europäischen Mobilitätsprogramm 2021-2027 aufzunehmen und sich so für die Integration der Schweiz in den europäischen Bildungsraum einsetzen.

Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative vom 9. Februar 2014 wurden die Verhandlungen zur Assoziierung der Schweiz zum europäischen Mobilitätsprogramm “Erasmus+” abgebrochen. Nachdem die Schweiz die Personenfreizügigkeit mit dem jüngsten EU-Mitglied Kroatien per Ende 2016 ratifiziert hat, wäre eine vollwertige Teilnahme am europäischen Mobilitätsprogramm prinzipiell wieder möglich. Anfang 2017 kommunizierte das SBFI jedoch überraschend, dass diese aus finanziellen Gründen vorerst nicht angestrebt werde. Damit wurde eine Schweizer „Lösung“ mit eingeschränkten Mobilitätsmöglichkeiten für 2018-2020 Realität. Es ist höchste Zeit, dass die Schweiz gemäss dem parlamentarischen Auftrag der Motion 17.3630 Verhandlungen mit der EU zur Vollassoziierung ans Nachfolgeprogramm für die Jahre 2021 bis 2027 aufnimmt.

Europäische Mobilität ist wichtig!

Der Nutzen von Austausch und Mobilität ist gross: Austauscherfahrungen und die dort erworbenen Fähigkeiten tragen nachweislich zu besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt bei. Gemäss Studien, besteht europaweit bei Erasmus-Studierenden ein um 50 Prozent tieferes Risiko, ein Jahr nach dem Abschluss noch arbeitslos zu sein[1]. Zudem stärken sie die persönlichen und interkulturellen Kompetenzen, was Kinder, Jugendliche und Studierende in ihrer Entwicklung hin zu verantwortungsvollen Staatsbürger*innen unterstützt. Ein Auslandsaufenthalt und die dort erlangten Kompetenzen generieren für Schweizer*innen daher einen enormen Mehrwert.

Die Schweizer Lösung ist ungenügend!

Die Schweizer Lösung zu Erasmus+ ist mit Einschränkungen verbunden und bietet für Organisationen im Jugendbereich, Studierende und Auszubildende nicht die gleiche Vielfalt an Beteiligungsmöglichkeiten wie Erasmus+. Aufgrund des Status der Schweiz als Drittstaat, müssen Schweizer Institutionen über die nationale Agentur Movetia Mehrfachanträge stellen, was mit enormen administrativen Mehraufwand verbunden ist, der in Jugendverbänden oftmals von Freiwilligen getragen werden muss. Darüber hinaus besteht keine Möglichkeit, als Schweizer Institution Kooperationsprojekte zu leiten. In der Schweizer Lösung ist zwar Geld für die Beteiligung an Kooperationsprojekten zwischen Institutionen vorgesehen, doch sind

insbesondere für Jugendorganisationen die zusätzlichen administrativen Hürden zu hoch, um eine Beteiligung anzustreben. Dies führt dazu, dass sich Schweizer Bildungsinstitutionen und Jugendorganisationen nicht an internationalen Kooperationsprojekten beteiligen. Dies ist einerseits für die internationale Vernetzung schädlich und andererseits wird auch verhindert, dass die Schweiz ihre Stärken in der Berufsbildung in Europa einbringen kann. Zudem unter­stützen diese Partnerschaften die Entwicklung und Professionalisierung ausserschulischer Aktivitäten und Freiwilligenarbeit und sind deshalb als immanent wichtige Instrumente der Jugendverbände für die Erfüllung ihres Bildungsauftrags und für die Stärkung der Beteiligung junger Menschen an der Gesellschaft anzusehen. Im Oktober 2017 hat die Schweizerische Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) zudem gemeinsam mit dem Bund die “Nationale Strategie zu Austausch und Mobilität“ verabschiedet, in der festgehalten wurde, dass alle jungen Menschen im Laufe ihrer Ausbildung mindestens einmal eine längere Mobilitätsphase im Ausland oder in einer anderen Sprachregion der Schweiz verbringen sollen. Ohne Erasmus ist dieses Ziel schwierig zu erreichen. Das zeigt nur schon der Blick auf die Entwicklung der Mobilität in der Schweiz. Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate
(2014-16) aller Erasmus+-Länder beträgt durchschnittliche 9.3%; die SEMP-Wachstumsrate (2014-17) beträgt nur durchschnittliche 5.7%.

 

Probleme einer Nicht-Assoziierung für den Hochschulbereich

–    Die Nicht-Assoziierung an Erasmus+ hat Auswirkungen auf die Entwicklung der Mobilitätszahlen: Die Schweiz ist bis zu 3 Jahre zurückgeworfen worden und die Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen sind davon besonders hart getroffen.

–    Der Ausschluss aus Erasmus+ wirkt sich negativ auf die Vernetzungsmöglichkeiten der Hochschulen aus. Multilaterale Kooperationen/Partnerschaften sind praktisch inexistent und Schweizer Hochschulen sind ausgeschlossen von der European Universities Initiative.

–    Auf europäischer Ebene sind mehr als 1000 Kooperationsprojekte zwischen 2014 und 2016 gefördert worden. Die Beteiligung von Schweizer Hochschulen ist ernüchternd: Im gleichen Zeitraum haben sich Schweizer Hochschulen lediglich an 8 multilateralen Projekten beteiligen können.

 

Chancen einer Vollassoziierung…

… im Bereich Hochschulbildung

–    Attraktivitätsgewinn von Schweizer Hochschulen durch den Wegfall des Status als Drittland und die Erlangung des neuen Status als vollwertiges Mitglied.

–    Vermeidung von hohem administrativem Mehraufwand, der durch das Aushandeln von Einzelabkommen mit Partneruniversitäten anfällt.

–    Grössere Auswahl bei der Suche nach Partneruniversitäten für Studierende und Lehrkräfte, insbesondere für Personen an Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen.

–    Schaffung von Synergien für Bildungsinstitutionen, indem ihnen erleichtert wird, grenzüberschreitende Projekte mit europäischen Partnern durchzuführen.

–    Zugang zu digitalen Tools des europäischen Mobilitätsprogramms wie Erasmus without Paper, Online Lernvereinbarungen, einer Erasmus+ App oder der Online-Sprachhilfe.

…bei einer stärkeren Teilnahme der Hochschulen an Strategischen Partnerschaften

–    Stärkere internationale Ausrichtung von Hochschulen, wenn sie an strategischen Partnerschaften im Rahmen von Erasmus+ teilnehmen. Indem sie Interdisziplinarität fördern, Instrumente und Ansätze für eine innovative Lehre entwickeln und bei den Dozierenden die Anwendung innovativer pädagogischer Praxis unterstützen, sind sie besser gerüstet, um Qualifikationsdefizite zu beheben.

–    Verbesserung der sozialen, zivilgesellschaftlichen und interkulturellen Kompetenzen sowie der digitalen und unternehmerischen Fähigkeiten von Studierenden bei Teilnahme an strategischen Projekten im Rahmen von Erasmus+.

… im Bereich Berufsbildung

–    Erleichterter Zugang zu Austauschprogrammen für Personen in der Berufsbildung.

–    Unterstützung der beruflichen Weiterentwicklung von Beschäftigten in der Berufsbildung durch Fort- und Weiterbildungsaufenthalte im Ausland.

–    Erlangung von Kompetenzen wie Sprachkenntnisse, Toleranz, Aufgeschlossenheit, Neugier oder Anpassungsfähigkeit.

–    Möglichkeit, Erfahrungen zu sammeln, um in einem wettbewerbsfähigen und internationalen Arbeitsmarkt bestehen zu können.

–    Möglichkeit, Personal in ein Unternehmen oder eine Organisation zu entsenden, um zu unterrichten oder an einer Fort- oder Weiterbildung teilzunehmen.

… im Bereich ausserschulischen Bildung

–    Breite Möglichkeiten für junge Menschen im Bereich der non-formalen Bildung, wie z.B. Personen in einem Jugendverband oder Sportler*innen.

–    Möglichkeit, an internationalen Konferenzen, Workshops, Trainings oder Seminaren teilzunehmen.

–    Zugang zu allen europäischen Programmaktionen sowie deren digitale Tools, wie z.B. dem Youthpass, E-Twinning oder den Erasmus-Plattformen.

–    Möglichkeit, eigene Kooperationsprojekte mit europäischen Partnern zu lancieren und zu leiten.

–    Chance, durch Partnerschaften die Jugendverbände in der Erfüllung ihres Bildungs­auftrags zu unterstützen und Stärkung der Beteiligung junger Menschen an der Gesellschaft.

 

Aufruf der Jugendorganisationen

Es ist festzuhalten, dass die Schweizer Lösung trotz grossen Bemühungen nicht dieselben Möglichkeiten bieten kann wie das europäische Mobilitätsprogramm. Insbesondere die Vernachlässigung der Bereiche der Berufsbildung und der ausserschulischen Jugendarbeit schliesst einen grossen Teil der Bevölkerung vom Mobilitätsprogramm aus.

Obwohl wir die Bemühungen des Bundes bei der Ausarbeitung der Schweizer Lösung begrüssen, sehen wir die Vollassoziierung an das europäische Mobilitätsprogramm als einzige Möglichkeit um allen Schweizer Jugendlichen die Möglichkeit eines europäischen Austauschs bieten zu können. Aus den oben genannten Gründen fordern die unterzeichnenden Personen, sowie zahlreiche Jugendorganisationen als Urheber*innen der Petition vom Bund, die Verhandlungen noch dieses Jahr wieder aufzunehmen, damit die Schweiz schnellstmöglich am europäischen Mobilitätsprogramm teilnehmen kann.

Online Petition: https://act.campax.org/p/VollassoziierungErasmusplusab2021 und weitere Informationen unter: www.erasmus-ch.ch

 

Unterstützende Organisationen:

Cevi Schweiz, Dachverband Offene Kinder- und Jugendarbeit Schweiz (DOJ), Erasmus Student Network Schweiz, GRÜNE Schweiz, Intermundo, Junge Grüne, Jungwacht Blauring Schweiz, Pfadibewegung Schweiz (PBS), , Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV), Stiftung Kinderdorf Pestalozzi, Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS), Verein Natur Kultur, Young European Swiss (YES).

[1] Engel, C. (2010): Die Auswirkungen der Erasmus-Mobilität auf die berufliche Entwicklung : empirische Ergebnisse internationaler Studien über temporäre Mobilität von Studierenden und Lehrenden